|
| |
Texte
zum Nachdenken
Thematische
Andachten im Pflegeheim ...
... mit Symbolen, Geschichten, Bildern

Des Königs leere Kammer
Manchmal, wenn wir am Morgen erwachen, wissen wir nicht, wie
der Tag verlaufen wird: Gibt es Besuch? Bleibe ich heute alleine? Ist es
ein Tag, an dem ich warte – und weiss doch nicht genau worauf? Will die
Zeit einfach nicht vergehen, muss ich sie „vertreiben“? Wer kennt nicht
solche Fragen, solche Stunden? Genau für derartige Stunden oder Tage
möchte ich das Märchen von „Des Königs leere Kammer“ erzählen:
Ein König war
über die Massen reich und überaus freigebig. Es verging kein Tag, ohne dass er
aus seinem grossen Vermögen allen, die es nötig hatten, reichlich ausgeteilt
hätte. Und obwohl er viel gab, wurden seine Schatzkammern nicht leer.
Jeden Morgen ging er in das unterirdische Gewölbe, in dem die Schatzkammern
lagen. Bevor er sie aber mit dem Schlüssel öffnete, ging er zu einer Kammer, die
zuhinterst lag und deren Türe als einzige Tag und Nacht bewacht wurde. Sooft er
die geheime Kammer öffnete, liess er die Wache wegtreten, so dass niemand auch
nur einen Blick hineinwerfen konnte. Dann schloss er die Türe hinter sich zu und
blieb eine Stunde darin. Wenn er wieder herauskam, schloss er sorgfältig ab und
rief erst dann die Wache wieder herbei.
So geschah es Tag für Tag und Jahr für Jahr. Alle wussten es und verwunderten
sich darüber. Viele flüsterten, er treibe im Geheimen Zauberei. Einige
munkelten, er stehe mit dem Teufel im Bund und vermehre mit dessen Hilfe seine
Schätze. Auch seine Familie vermutete, dass er irgendetwas Geheimnisvolles tue.
Aber niemand wagte ihn zu fragen.
Als er alt geworden war, rief er eines Abends seinen ältesten Sohn zu sich und
sagte zu ihm: „Ich bin nun alt geworden und werde bald sterben, und du wirst
nach mir König sein. Ich will dir nun das Geheimnis unseres Reichtums zeigen.
Aber schwöre mir zuerst, dass du keinem Menschen etwas davon verraten wirst und
es erst deinem Sohn wieder anvertrauen wirst, wenn du selber alt geworden bist!“
Und der Sohn schwor es.
Dann nahm ihn der König mit sich und führte ihn in die geheime Kammer. Als sie
eingetreten waren, blickte sich der Sohn nach allen Seiten um und griff dann
erschrocken nach dem Arm des Vaters: Die Kammer war ganz leer. Der König fragte
ihn: „Wovor erschrickst du? Was siehst du?“ Der Sohn antwortete: „Ich sehe
nichts. Darum erschrecke ich.“ Der König sagte zu ihm: „Ich werde dich für diese
Nacht hier einschliessen, und du sollst über die Kammer nachdenken.“ Der Sohn
umklammerte entsetzt den Vater. Der aber umarmte ihn, löste sich von ihm und
schloss ihn ein.
Als er am nächsten Morgen die Kammer öffnete und eintrat, sah er den Sohn am
Boden liegen, den Mantel über den Kopf gezogen. Er hob ihn auf und fragte ihn:
„Worüber hast du in dieser Nacht nachgedacht?“ Der Sohn antwortete: „Ich konnte
nichts denken, aber ich werde diese Kammer zumauern.“ Der König erwiderte nichts
und führte ihn hinaus. Am Abend schloss er ihn wiederum ein und sagte zu ihm:
„Denke in dieser Nacht über die Kammer nach!“ Am andern Morgen fand er den Sohn
bleich und trotzig an eine Mauer gelehnt sitzen und fragte ihn wiederum:
„Worüber hast du in dieser Nacht nachgedacht?“ Der Sohn antwortete: „Ich habe
darüber nachgedacht, womit ich die Kammer füllen werde.“ Der König antwortete
nichts und führte ihn hinaus.
Am dritten Abend schloss er ihn abermals ein und sagte zu ihm: „Denke auch in
dieser Nacht darüber nach!“ Als er am nächsten Morgen eintrat, stand der Sohn
vom Boden auf und rieb sich die Augen. Der König fragte ihn: „Worüber hast du
diese Nacht nachgedacht?“ Der Sohn antwortete: „Ich weiss nicht, ich habe die
ganze Nacht tief geschlafen.“
Da lächelte der König, umarmte ihn und sagte: „Dann hast du das Geheimnis der
Kammer verstanden. Komm nun mit und hilf mir bei der täglichen Austeilung.“ Er
schloss die Kammer sorgfältig zu und ging dann mit dem Sohn in die Schatzkammern
und holte mit ihm heraus, was für den Tag nötig war.
Nach dem Tode des Königs übernahm der Sohn den Schlüssel zur leeren Kammer und
machte täglich denselben Gang wie sein Vater. Bevor er die Gaben austeilte, ging
er in die leere Kammer, schloss sich ein, blieb eine Stunde darin und ging erst
dann in die Schatzkammern. Und die Gaben, die er von dort aus den Leuten
austeilte, nahmen kein Ende.
Quelle: Werner Reiser, „Der verhaftete Friedensengel. Kritische
Legenden.“ GTB
In diesem Sinne
hoffe und wünsche ich für Sie alle, dass ein Morgen oder ein Tag ohne
Abmachungen oder Pläne – dafür aber voller Stille und Leere - für Sie zu einer
Schatzkammer werden und Ihnen Frieden und Kraft schenken möge.
Biblischer Bezug:
Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt.
(Jesaja 7,4)
GEBET
Wenn sich die dunkle Nacht der Schwermut
einer eisernen Klammer gleich
um meine Seele legt
und alles Leben aus mir weicht,
lass mich in deine Hände fallen, Gott,
denn du bist meine Zuflucht
in der Nacht der Seele.
Alle Kraft ist dein:
die Kraft zu bergen und zu trösten,
die Kraft aufzurichten und zu heilen,
die Kraft zu verwandeln und zu erneuern,
lebendig zu machen und Hoffnung zu wecken.
Du lässt es Tag werden in mir,
und im Morgengrauen
werde ich erkennen:
Du warst Gefährte meiner Nacht.
AMEN.
Sabine Naegeli
Pfrn Marianne C. Briner Lavater
<<
zurück
| |


|